REAKTIONEN

August 13th, 2009

A Hetz: Die letzten Tage der Menschlichkeit. Premiere zu den österreichischen Wirklichkeiten.

Gestern Abend fand die Premiere der aktuellen Produktion des Theater Hausruck statt. Ein sehr gelungen verwirklichtes Großprojekt für das allen Beteiligten der größte Dank gebührt. Haben sie damit gemeinsam doch den Blick auf österreichische Wirklichkeiten freigegeben, der vielfach durch Wegschauen, nicht glauben können, nicht glauben wollen und möglicherweise sogar durch Desinteresse und nicht zuletzt durch die Politik vielfach verstellt ist.

Als Theaterbesucher hatte ich mich offenen Auges und Ohres freiwillig zum hinschauen entschieden und bekam so den Blick für eine ganze Reihe von Wirklichkeiten geöffnet. Mein Gefühlszustand wechselte dabei von schockiert, den Tränen nahe, mich ohnmächtig fühlend, von kalten Schauern begleitet, von verärgert sein bis zu dankbar sein. Zuletzt mündete der Abend in dem Bewusstsein, nicht nur Zeuge einer großartigen, couragierten Inszenierung und Darbietung gewesen zu sein, sondern auch mit dem gestärkten Bewusstsein, der gegenwärtig dominierenden Politik in ihre Abwege der Entmenschlichung, der scheinbaren Verregelung und des leichtfertigen ‚Da ist nichts zu machen!’ nicht zu folgen.

In einem ‚Akt’ wurden verschiedene MigrantInnenschicksale nebeneinander dargestellt, die von den SchauspielerInnen in Kojen gleich Käfigen einen Eindruck von einem sogenannten ‚Asylantenheim’ vermittelten. Die gezeigten Schicksale für sich zeigen schon das Leid, den Schmerz und die vielen Wunden, die für das Los eines Flüchtlings, eines/einer MigrantIn leider bestimmend sind. Als dann die Exekutive das Lager (!) stürmte, mit Megafonen die von der Politik vorgefertigten Scheinbegründungen hinter irgendwelchen Paragrafen lieferte, war die Ohnmacht im Publikum greifbar. Als die Reisegesellschaft Publikum dann zur nächsten Station aufbrach und sich auch die letzten ‚Besucher’ in Richtung Bus bewegten, den Tränen nahe, schmetterten die weiter aufgezeigten Einzelschicksale von allen Seiten auf die Rücken des abgehenden Publikums ein.

Das Publikum konnte weitergehen - MigrantInnen können (?) / müssen nur zurück?

Es gäbe vieles mehr zu berichten, auf vieles müsste noch hingewiesen werden - auf die Liebe zum Detail, auf die guten Darbietungen, auf das abwechslungsreich gestaltete Programm, auf die Ode an den Bergbau genauso wie die vermittelten Frauenschicksale, die gezeigte Sinnlosigkeit der Verhetzung, auf Felbers Predigt zur Frage Mammon oder Mensch oder auch auf den Hinweis auf die Illusion der Macht.

Inhaltlicher Tiefgang, Problembewusstsein und Courage haben im Theater Hausruck einen Adressaten. Danke für dieses dringend notwendige Stück zu unserer Zeit! Hingehen und hinschauen.

Freundlichst
Dr. Jürgen G. Pouget
Geschäftsführer Volkshilfe Vöcklabruck / Vöcklabrucker Sozialstadtrat

29. Juli 2009

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Beobachtungen und Gedanken von Mischa G. Hendel.
Redakteur Sweetspot. Radio Orange. Das freie Radio in Wien. http://o94.at

„A Hetz oder Die letzten Tage der Menschlichkeit“ hat keinen konkreten Beginn. Schon bei der Anreise in den Hausruck fühlt sich der Besucher wie in einem fiktiven Stück. Unzählige Wahlplakate für die Landtagswahl in Oberösterreich im September 2009 säumen die Straßen. „Starker Mittelstand fürs Heimatland“ lächeln uns HC Strache und Manfred Haimbuchner von den FPÖ-Wahlplakaten entgegen und führen die Verteidigung der heimatlichen Bräuche, Sitten und Traditionen fort. Die Plakate bieten eine surreale Einstimmung auf die folgende Theaterreise mit Bussen und zu Fuß durch den Hausruck.

Kann das Publikum über den ersten Stop, einen von uniformierten Polizisten verteilten „Staatsbürgerschaftstest“, noch distanziert und amüsiert lächeln, ist es bei der nächsten Station in Holzleiten bereits in direktem Kontakt mit den Themen Migration, Globalisierung und Rassismus. In einem Saal erzählen – jede/r für sich, durcheinander, in Einzel- oder Doppelkojen – Flüchtlinge ihre Geschichten. Die vielen Stimmen und Geschichten ziehen den Besucher unwillkürlich in ihren
Bann, besonders wenn die Erzählerinnen und Erzähler einzelnen Personen mit leerem Blick in die Augen starren und ihre Geschichte mehrmals wiederholen. Es gibt kein Zurück, keinen Ausweg, kein Verdrängen. Bis die Polizei wieder einschreitet und dem Treiben ein abruptes Ende bereitet. Laut und unbarmherzig werden die Flüchtlinge aus dem Saal gezerrt. Die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung verschwimmen. Die Zuseher sehen nicht mehr nur zu, sie sind Teil des Stückes. Sie erleben als Reisegruppe hautnah Gefühle der Ohnmacht, des Mitleids und der Verzweiflung. Wegschauen und nichts fühlen ist unmöglich.

Und doch greift niemand greift ein. Die Besucherinnen und Besucher sind sichtlich verstört, doch sie verbleiben in ihrer Rolle der Betrachter im geschützten Raum des Theaters. Die Jagd, die Hetz geht weiter zu einer weiteren Station in Thomasroith. AsylwerberInnen werden aufgrund der Reiseveranstaltung aus dem Arbeiterheim geworfen. Erneut erhebt niemand das Wort für die Flüchtlinge. An anderen Aufführungsterminen von „A Hetz oder Die letzten Tage der Menschlichkeit“ mischen sich Besucher ein und reagieren. Engagierte sowie sensible Menschen, die solche Szenen auch innerhalb einer Theaterperformance so stark berühren, daß sie aufschreien und eingreifen müssen. Können somit die Performance sowie die Reaktionen des Publikums als Mikrokosmos der österreichischen Gesellschaft gelten?

Die Stärken von „A Hetz oder Die letzten Tage der Menschlichkeit“ liegen in der Interaktivität von Handlung, AkteurInnen und BesucherInnen. Jede Aufführung kann überraschende Wendungen nehmen, die Handlung läßt genügend Platz für Improvisation. Wie die Reise keinen konkreten Anfang hat, hat sie auch kein Ende und fährt zum einen in den Köpfen des Publikums, zum anderen in der österreichischen Realität fort. Die große Zahl der Themen, die in einem einzigen Theaterstück angesprochen werden, überfordert und verstört zum Teil das Publikum, was aber wohl auch eines der Ziele von „A Hetz“ ist. Von dieser Reise durch die malerische Landschaft des
Hausrucks, von dieser Fahrt vom Sonnenuntergang bis in die Dunkelheit der Apokalypse, bleibt ein mulmiges Gefühl, eine Mischung aus Betroffenheit mit den menschlichen Schicksalen und Begeisterung für das soeben erlebte Theater. Ein Gefühl, das Veränderungen bewirken kann; in einer Gesellschaft, in einer Gemeinschaft, und vor allem auch in einem selbst. Wahrscheinlich am stärksten in den Regisseuren und den AkteurInnen von „A Hetz“ selbst.

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